Mopedtrip (Bremerhaven-Ochtrup-Amsterdam)

Ich schaue auf mein Handy. Es ist kurz vor sieben. Mein Kaffee dampft auf dem Couchtisch vor sich hin. Die Schwaden krümmen sich zu lustigen Formen.
Die morgendliche Gelassenheit hält nicht lange. Nachdem ich bei geöffnetem Fenster eine quäkige Nachbarin habe sagen hören, dass es 30 Grad werden sollen, wird die Morgenprozedur hektisch beschleunigt.
15min später befinde ich mich in Lederjacke und mit Motorrad unten auf der Straße. Es ist jetzt schon unangenehm warm. Der Schweiß läuft von der Stirn am Körper entlang an den Stiefeln vorbei runter in die Kanalisation.
Durch einen beherzten Kick verdichte ich 499 Kubikzentimeter Benzin-Luftgemisch zu 55,4 Kubik explosiver Pressluft. Dann der Funke. Just in time. Der kalte Kolben wird durch eine brennende Druckfront nach unten gepresst. Auf dem Weg zurück nach oben schiebt er das heiße Abgas aus dem Brennraum zum Auspuffende. Ein Paukenschlag erfreut die Nachbarn. Millionen folgen. Die ersten Vorhänge werden zur Seite gezogen.
Nu‘ aber nix wie Abfahrt, bevor wer meckert!
Es geht nach Ochtrup. Dort treffe ich Isi, sowie meinen Kumpel und Soon-to-be-WG-Mitbewohner Robert. Das doppelte Robchen! Namen können bekanntermaßen mehrfach vorkommen, sind ja keine Usernames.
So Herr Schmidt, Pascal war leider schon vergeben, aber es freut mich Ihnen mitteilen zu dürfen, dass ihr Sohn -//*Pascal53861*\\- wohlauf ist! Herzlichen Glückwunsch!

Keine 10km außerhalb von Bremerhaven muss ich bereits von meiner vorgesehenen, schön kurvigen Landstraßen-Reiseroute unwiederbringlich abweichen. Der Wesertunnel ist gesperrt. Öhhh Mist.. Planung ist nicht so meins. In aller Ruhe knattere ich also die dröge Autobahn zwischen unzähligen gelangweilt dreinblickenden Berufstätigen hinunter Richtung Münster und erreiche mein Ziel viel zu früh. Robert kommt erst pünktlich zwei Stunden später aus dem Harz dazu.
Nachmittags zeigt Isi uns Burg Bentheim (Wunderschön übrigens, sowohl als auch.), abends wird gegrillt. Der Aufenthalt bei ihr entschleunigt, sodass die Strapazen der Fahrt schnell vergessen sind.
Am nächsten Tag schaffen wir erst um 12 Uhr den Absprung. Wir donnern rund 200km in praller Sonne Richtung Amsterdam. Durch den Fahrtwind ziehen sich mein Ärmel nach oben und erzeugen einen ca. 1cm breiten Spalt zum Handschuh. Ich habe nun beidseitig je 1cm Sonnenbrand oberhalb der Handgelenke. Das Leben als Rocker fordert seinen Tribut.

In Amsterdam quartieren wir uns bei Sebastian ein, einem befreundeten Braumeister. Die Motorräder werden während des Aufenthalts direkt in der Brauerei zwischen Kohlensäure-Flaschen und Lebensmittelschläuchen verstaut. Wir probieren uns gegen frühen Abend einmal durchs Biersortiment. Schmeckt. Alles. Der Abend endet spät.

Extrablatt! Sack Zwiebeln!

Die wohl markantesten Aspekte des moskauer Stadtbilds sind die farbenfrohen Zwiebeltürme der russischen Gotteshäuser. Sie blitzen einfach überall und in solcher Fülle zwischen Hausschluchten und hinter Bäumen hervor, dass sie Ortsansässigen schon garnicht mehr auffallen. ..bis die dämlichen Touris mitten auf dem Gehweg innehalten und die Kamera zücken.
Verkehrsinselartig stehe ich nun da, werde böse angeguckt oder von eilig vorbeihastenden Anzugträgern angerempelt. Egal, ich knipse drauf los: Große Zwiebeln, kleine Zwiebeln, goldene Zwiebeln, bunte Zwiebeln, schuppige Zwiebeln, glatte Zwiebeln. Im Netz zu je 5-8 Stück oder einzeln auf kleinen Kapellen zu haben.

Liebe Grüße aus Moskau

Moskau empfängt uns mit der vollen Härte an Regen und Sturm. Als alte Nordlichter wissen wir natürlich sofort, was zu tun ist: Eincremen, weil Juni=Sommer!
Wir besuchen das wohl berühmteste Wahrzeichen Russlands, die Basilius Kathedrale auf dem Roten Platz! Im Inneren finden wir keine pompöse Halle, sondern ein Labyrinth aus kleinen Gängen und Zimmerchen, bunt bemalt von der Decke bis zum Fußboden! Wir verlieren uns und treffen erst nach 20min zufällig wieder aufeinander. Verrückt.
Draußen dann erneut Regen und Wind. Nass bis auf die Knochen verbringen wir den Rest des Tages bei Kaffee und Tee in unserer Unterkunft.

Nächster Tag:
Agentenfeeling kommt nicht gerade auf, als wir mit einer Welle brabbelnden Japanern in den Kreml schwappen. Kurz vorm Eingang, Wachablösung. Die blockierte Pforte erzeugt einen Touristenstau. Das aufgeregte Getuschel zieht noch mehr Leute an. Wir haben dank der flachen Bauweise der japanischen Reisegruppe perfekte Sicht auf das Geschehnis. Was passiert? Die leeren Soldaten werden gegen frisch geladene ausgetauscht und laufen danach selbstständig zurück zur Dockingstation. Fertig.
Innen angekommen empfängt uns Putin mit einem Glas Sekt und Häppchen. Noch kauend schütteln wir ihm zum Abschluss die Hände und laden im Gegenzug auf ein kühles Hemelinger in Bremerhaven ein. Er lacht. Wir lachen. Gute Zeit.
Außenminister wär ja auch was für mich..

SaintP – Moskau

Unsere Zeit in St.Petersburg nähert sich dem Ende. Natürlich durfte auch eine Tour durch den Palast der Jussopow-Familie nicht fehlen. Der Mord an Grigori Rasputin. Die Tour beschreibt den Stimmungswechsel gegenüber Rasputin, vom einst verheißungsvollen Prediger und persönlichen Wunderheiler des hämophilen Zarensohns zum nunmehr zu einflussreich gewordenen Hauptverantwortlichen für den Untergang des russischen Zarenreichs. Wir schlendern durch die Originalschauplätzen des Mordanschlags im Keller des Palasts. Die genauen Umstände des Mordes sind nicht bekannt, was für eine lupenreine Mystifizierung eines jeden Antihelden dringend erforderlich ist. Wahrscheinlich ist jedoch, dass vergifteter Kuchen und Kugel 1 in die Brust nicht ausreichten, damit Rasputin den Löffel (bzw. hier: die Kuchengabel) abgab. Er wurde sodann schwer verwundet hinter dicken Kellermauern seinem Schicksal überlassen. Als er versuchte, sich aus dem Staub zu machen, legte man im Hof nochmal bleiern nach und versenkte ihn in der Newka. Easy peasy Straffreiheit. Den Zusammenbruch des Zarenreichs konnte die Tat auch nicht verhindern, aber hinterher ist man immer schlauer. An der Stelle seines Todes ist heute ein Spielplatz gebaut. Geschichte ist schon seltsam manchmal.

Letzter Abend in Saint-P. Wir hauen nochmal in die Tasten und verlassen die Stadt nach einer bemerkenswert kurzen Nacht mit dem Sapsan, der russischen Variante des ICEs. Es stand noch die unbequeme Möglichkeit aus, mit einem klapprigen Regionalzug zwischen russischen Muttis von Dorf zu Dorf zu reisen (was durchaus seinen Charme gehabt hätte, keine Frage), aber die Zeit fliegt und einen ganzen Reisetag für den Transfer von St.P nach Moskau zu opfern schien uns die Sache nicht wert. Während wir in bequemen Sitzen mit ausreichend Beinfreiheit sitzen, fliegt eine grüne, hügelige Landschaft voller Bäume und kleineren Feldern am Fenster vorbei. Ich stelle fest, dass ich hier nochmal mopedisiert hinkommen möchte.

Im Fernseher läuft ein Kriegsfilm. Die Deutschen sind unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Das ganze Abteil starrt gebannt auf den kleinen Bildschirm an der Decke des Wagons. Ernste Blicke. Na geil. Phils und meine Kommunikation auf Deutsch beschränkt sich auf ein Minimum. Ich mache mich klein, Phil bleibt Phil.
Generell ist hier alles sehr waffen- und kriegsfixiert. Walter übersetzte uns ein Werbeschild für ein Kindermilitärtraining, überall Soldaten mit schweren Waffen und bei Burgerking gab es Panzer im Kids-Menu. Mach das mal in Deutschland. Hier Tobias, deine Apfel-Pommes und dein Leopard II, du Freak!
Nun denn, ein Verpflegungswagen rollt samt Verpflegungswagenantriebs- und ausgabepersonal vorbei. Ich bin in der Lage mir eigenständig einen Kaffee auf Russisch zu bestellen. Success!
Dann, Moskau.

Goldene und blecherne Dächer

Kirchen, Museen, alte Gebäude. Kulturell hat St.P richtig was zu bieten. Wir besuchen das Russische Museum, diverse unterschiedliche Kunstausstellungen, die imposante Isaakskathedrale (400kg Gold reingebuttert!) und ein halbes Dutzend weitere goldverzierte Kirchen.
Jetzt aber über Kunst oder Deckenfresken zu schreiben, würde das Schnarchometer restlos in den Drehzahlbegrenzer fahren und meine treuen drei Stammleser würden abspringen, außer Oma.

Stattdessen erzähle ich lieber mal,
dass es hier fast keine Radfahrer auf den Straßen gibt,
dass man beim casual Bierchen niemals Nastrovje sagt, generell
dass Alkohol auf der Straße verboten ist (Papiertütenprinzip),
dass hier alle Fußgänger vom gestressten Businessman bis zum Punk anständig auf ‚Grün‘ warten,
dass man einen 5000Rubelschein selbst in Restaurants schlecht gewechselt bekommt, weil hier alle mit Karte zahlen und vielleicht noch,
dass man hier mehr arschteure AMG Mercedes‘ als klapprige Lada Nivas rumfahren sieht.

Walter organisiert uns eine private Rooftop-Tour mit diversen interessanten Fakten über die Vergangenheit der Stadt. Wir klettern dafür 7 Stockwerke und drei enge Leiterschächte hoch auf einen der letzten verbleibenden Aussichtstürme zur frühzeitigen Detektion der damals eher unbeliebten Nazi-Bomber. Späher waren zumeist Kinder. Der bröckelige, zügig und schlecht gemauerte Backsteinhaufen hat nur wenige Meter über der üblichen Dachhöhe. Man fühlt sich, als würde man über ein Häusermeer surfen. Beim anschließenden Spaziergang über das rutschige Blechdach des Häuserblocks kommt Adrenalin auf. Man sagt uns, dass wir bitte nicht zur Innenhofseite abrutschen sollen, da dort keine Reling ist. Ok Chef, dann halt nicht.

Mother Russia

Russland. Ich reise wieder mit meinem Buddy Phil, einem Typen der mir stolz zeigt, dass er zwei volle Reserve-Klopapierollen in sein Backpack gepackt hat. Zwei. Ich frage mich, wie schlimm seiner Meinung nach der Ernstfall aussehen soll, in dem man zwei ganze Rollen benötigt, bevor es einer von uns um die Ecke zum Supermarkt schafft und neue kaufen kann. In meinem Kopf spielen sich diverse Szenarien ab, aber keines kommt auch nur annähernd an die gefährliche 360 Blatt-Grenze.
Neben Phil kommt noch Walter mit, ein alter Freund von Phil. Walter stellt mit seinen RU-Kenntnissen sowohl organisatorisch, als auch sprachlich den Kopf unseres Urlaub-Sonderkommandos dar.

Wo waren wir? Ach ja: Wir schlagen 14Uhr in St.Petersburg auf. Flug und Sicherheitskontrolle verlaufen problemlos. Ein paar debile Urlauber (wohl deutsch) klatschen bei der Landung der Maschine. Meine These: Sie wissen um den Wartungszustand der russischen Flugzeuge bescheid und freuen sich über die Laufzeitverlängerung ihrer selbst. Dann beklatschen sie am Gepäckband ihre Koffer und werden direkt abgeführt.
Am Flughafen holt uns Anna ab, eine Freundin von Walter. Anna wird uns die kommenden Tage in Saint-P (wie man hier umgangssprachlich sagt) begleiten und genau diejenigen Ecken zeigen, die man als MarcoPolo-Tourist mit Socken-Sandalen-Kombi niemals findet. Beweisstück A: eine abnormal gute Hinterhof-Pizza, serviert mit selbstgebrautem Schwarzbier von einem tätowierten Hipster mit Bart (nicht auf dem Foto).

Nachdem wir im Hostel Stellung bezogen haben, tigern wir in die Innenstadt. Erste Station ist ein Museum für alte sowjetische Spielautomaten! Gezahlt wird mit echten UdSSR-Münzen. Ein Höllenspaß! Wer hier umfassende Technik erwartet, hat das Konzept nicht verstanden. Viel Mechanik, viele Glühbirnen, wenig Hebel und Knöpfe. Trotz wortkarger russischer Anleitung (Wir verstehen kein einziges Wort) kapiert man schnell, was man machen muss. Dazu gibt es Sowjet-Limonade aus einem nun ja.. Sowjet-Limonaden-Automat. Geschmacksrichtungen Natur, Rot und das Dritte. Alle haben den gleichen Geschmacksverlauf: Sprudelig brausig – seeehr süß – *gewählte Geschmacksrichtung* – Abgang: alte Socke. Geschmacklich geht es also so hart den Bach runter, dass man schnell einen neuen Schluck nachkippen muss, um nicht in den Sockenbereich zu kommen. Genial, die Russen! Konsum können sie ja..

Rapha’s Festive 500 (2)

Tag 2

Aufstehen. Pott Kaffee. Abfahrt.
Der Tag ist nur ein halber. Ich muss um 13 Uhr im Hemd bei Oma am Tisch sitzen. „Im Hemd“ ist der Zustand, in dem man keine schlammbesprenkelten Radklamotten trägt. Also ein rarer Moment außerhalb meines für die Woche vorgesehenen Dresscodes. Diesen Zustand erreicht man dümmlicherweise nur durch Duschen und Umziehen. Schnute rasieren optional. Das bedarf zeitlicher Planung.
Es nieselt.
Mein linkes Knie bereitet mir schon wieder Probleme. Ich drehe also bereits nach den ersten Kilometern wieder um. Hoffentlich ist noch nichts zu spät.. Patellalateralisation nennt sich der Umstand, der mich ab und an außer Gefecht setzt. Bei frühzeitigem Erkennen, Ruhigstellen und etwas pharmazeutischer Umgarnung ist alles halb so wild. Nur überreizen sollte man nichts.
Über den Tag kommt auch noch die Sonne raus. Leicht betrübt über diesen Umstand, aber hauptsächlich bis zum Bersten vollgestopft (War sehr lecker Oma!), klebe ich mit den Augen an der Fensterscheibe und ärgere mich über die Zwangspause, die wohl am nächsten Tag fällig werden wird.


Tag 3

Zwangspause. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen..


Tag 4

Shit Shit Shit, die Woche geht flott rum.. Die Challenge wird wohl nichts mehr. Gesundheit geht vor, sonst bin ich mit 30 Jahren Pirat. Carbon-Holzbein mit angespaxtem Klickpedal-Cleat? Ich denke einen Moment über die Konsequenzen nach. Geringes Gewicht bei voller Funktionalität. Verbesserter Aerodynamik. Warum eigentlich nicht. Also rauf auf den Sattel..
Rizzo (neben Oma der andere Leser dieses Blogs) fährt mit. Laune und Bedingungen sind bestens. Trotzdem bleibt es (meinetwegen) bei 40km. Nur nichts überstürzen jetzt…
Die verbleibenden 350km fahre ich dann die Tage mal. 😉

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